Die Tage werden kürzer, es fängt an zu regnen und es sind die letzten warmen Tage; das heißt: Wir sind aus der Sommerpause zurück (!) und starten mittlerweile in unsere elfte Staffel! Diesmal dreht sich bei RaDiHum20 alles um Künstliche Intelligenz in den Digital Humanities. Zum Auftakt der Staffel sprechen wir mit Sarah Oberbichler und Karoline Reinhardt über KI als Forschungsmethode, neue Möglichkeiten für die Geisteswissenschaften und die damit einhergehenden ethischen Fragen.
Zu Beginn stellen wir uns erst einmal eine (vermeintlich) einfache Frage: Was ist eigentlich Künstliche Intelligenz? Unsere Gäste beschreiben KI für die geisteswissenschaftliche Forschung als zusätzliche „Interpretationsinstanz“ zwischen Forschenden und ihren Quellen. Neben der menschlichen Interpretation tritt damit eine statistisch-probabilistische Ebene. Für die DHDH steht für Digital Humanities, also digitale Geisteswissenschaften. More bedeutet das auch, dass wir lernen müssen, die Systeme selbst kritisch zu hinterfragen. Und damit kommen wir schnell bei dem zentralen Thema der Folge an: Technik und Daten sind nicht neutral; da sind wir uns einig. Unsere Gäste erklären, dass schon bei der Entwicklung von Technologie Entscheidungen darüber getroffen werden, welches Problem gelöst werden soll, für wen und auf Grundlage welcher Daten. Datensätze können dadurch gesellschaftliche Ungleichheiten übernehmen oder sogar verstärken. Gleichzeitig ist auch mehr Sichtbarkeit nicht automatisch besser, denn die Sammlung und Verknüpfung von Daten kann wiederum neue Risiken mit sich bringen.
Wir sprechen außerdem darüber, welche neuen Möglichkeiten KI für die geisteswissenschaftliche Forschung eröffnet. Automatische Transkriptionen, Übersetzungen, oder die Verarbeitung historischer Handschriften oder die Digitalisierung großer Zeitungsbestände können Quellen (neu) zugänglich machen, die bisher nur schwer auszuwerten waren. Unsere Gäste berichten dazu aus ihrer eigenen Arbeit mit historischen Dokumenten und davon, wie generative KI dabei helfen kann, relevante Textteile aus großen und komplexen Beständen zu extrahieren. Dazu diskutieren wie die Fragen nach Fehlern, Verzerrung und den Grenzen solcher Verfahren.
Wir diskutieren gemeinsam auch die ethische Perspektive. Wir sprechen über Bias, Repräsentation und sogenannte „Moral-Halluzinationen“: KI-generierte Antworten können überzeugend formuliert sein und trotzdem argumentativ oder normativ Fehler enthalten. KI-Ethik darf deshalb nicht bei einer einfachen Checkliste stehen bleiben. Wir sind der Meinung, dass vielmehr entscheidend ist, welche Werte betroffen sind, wer in Entscheidungen einbezogen wird und welche Verantwortung Politik, Anbieter, Institutionen und auch wir Forschende haben.
Ein weiteres Thema ist AI Literacy. Dabei geht es um weit mehr als gutes Prompting. Wir sprechen mit unseren Gästen darüber, dass Forschende verstehen müssen, wie Daten aufbereitet werden, wie Modelle funktionieren und wie Ergebnisse eingeordnet werden können. Gleichzeitig darf diese Verantwortung nicht nur bei den einzelnen Nutzer*innen liegen. Wenn etwa lokale Modelle aus Datenschutzgründen sinnvoll sind, müssen Universitäten und Forschungseinrichtungen dafür auch passende Infrastrukturen und Unterstützung bereitstellen.
Zum Schluss wagen wir gemeinsam noch den Blick nach vorne. Weder eine vollständige Ablehnung von KI noch ein unkritischer „AI-first“-Ansatz überzeugen unsere Gäste. Stattdessen geht es um eine sinnvolle Zusammenarbeit von Mensch und KI, um verantwortungsvolle Strukturen und darum, fachliche Kompetenzen nicht auszulagern.
Wer also gerade bei einem beginnenden Wald-Herbst-Spaziergang ist, kann die Stunde nutzen, um herauszufinden, was KI für die DHDH steht für Digital Humanities, also digitale Geisteswissenschaften. More leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. (Und alle anderen auch) Also: reinhören!
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