RaDiHum20 spricht mit Katharina Leyrer von der FAU Erlangen-Nürnberg über Barrierearmut und Datenethik

In der letzten Folge unserer neunten Staffel zu Barrieren und Teilhabe sprechen wir mit Katharina Leyrer. Katharina hat Bibliotheks- und Informationswissenschaft studiert, an der FAU Erlangen-Nürnberg den Digital-Humanities-Studiengang mit aufgebaut und arbeitet heute im Datenkompetenzzentrum „SODA – Sammlungen, Objekte, Datenkompetenzen“. Dort beschäftigt sie sich vor allem mit rechtlichen und ethischen Fragen rund um die Digitalisierung wissenschaftlicher Sammlungen.

 

Gemeinsam sprechen wir darüber, was Barrieren und Barrierearmut in den Digital Humanities bedeuten können. Und weshalb uns das alle etwas angeht. Katharina unterscheidet dabei zwischen Barrierearmut im engeren Sinne, also der Zugänglichkeit von Veranstaltungen, Räumen, Publikationen und digitalen Angeboten, und Barrierearmut im weiteren Sinne: wer überhaupt an der Produktion von Wissen teilhaben kann und welche Perspektiven in digitalen Wissensräumen sichtbar werden. 

Unser zentrales Thema der Folge ist unter anderem Datenethik. Katharina erklärt uns, dass Datensätze in den DH meist auf historisch gewachsenen Sammlungen, Archiven oder Beständen beruhen. Diese sind aber nie neutral entstanden. Wenn bestimmte Gruppen in Archiven, Literaturgeschichten oder Sammlungen weniger vertreten sind, übernehmen digitale Forschungsprojekte diese Verzerrungen, wenn sie sie nicht aktiv reflektieren. Wir sprechen deshalb auch von Bias in Datensätzen, über das „Wheel of Bias“ und darüber, warum es wichtig ist, Verzerrungen nicht nur irgendwo in einer Fußnote zu erwähnen, sondern prominent in der Methodik und Dokumentation sichtbar zu machen. Katharina stellt uns in diesem Zusammenhang den Ansatz des „Value Sensitive Designs“ als ein Framework vor, mit dem man fragen kann, welche Werte, Interessen und Akteur*innen bei der Entwicklung von Technologien, Sammlungen oder Forschungsdesigns berücksichtigt werden müssen. Besonders spannend finden wir den Perspektivwechsel: Nicht nur diejenigen, die aktiv mit einer Technologie arbeiten, sind relevant, sondern auch Gruppen, die indirekt betroffen sind oder in den Daten repräsentiert werden. Wir sprechen auch darüber, warum ethische Fragen in der Praxis oft schwer umzusetzen sind. Viele Projekte haben wenig Zeit, wenig Geld und wenig Personal. Katharina schlägt deshalb vor, die dringendsten ethischen Herausforderungen zuerst zu identifizieren, andere Probleme aber nicht einfach zu vergessen, sondern zu dokumentieren und für spätere Arbeit sichtbar zu halten. 

Zum Schluss kommen wir auch auf Konferenzen, Arbeitsbedingungen und Karrierewege in Wissenschaft und GLAM-Einrichtungen (Galleries, Libraries, Archives, Museums) zu sprechen. Barriereärmere Konferenzen brauchen nicht nur gute digitale Tools, sondern auch Pausen, Tageslicht, realistische Zeitpläne und Formate, die unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen. Und auch Stellenanzeigen, Befristungen, Teilzeitmöglichkeiten oder mobiles Arbeiten können darüber entscheiden, wer überhaupt an wissenschaftlicher Arbeit teilhaben kann. 

Daten sind nie neutral, Zugänge nie selbstverständlich – also reinhören, was strukturell und individuell dagegen getan werden muss.

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Wichtige Links:

An example application of the Wheel of Bias

Ethik und Recht des SODa-Datenkompetenzzentrums

Friedman, B., & Hendry, D. G. (2019). Value Sensitive Design. The MIT Press.

DE-BIAS – Detecting and cur(at)ing harmful language in cultural heritage collections

DE-BIAS project capacity building resources

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