RaDiHum20 spricht mit Katrin Henzel und Simone Franz über Barrierearmut in digitalen Editionen und Forschungsdatenmanagement

Willkommen zurück zur neunten Staffel von Barrieren und Teilhabe. Heute sind Katrin Henzel und Simone Franz zu Gast. Beide beschäftigen sich seit Jahren mit digitaler Editionspraxis, Forschungsdatenmanagement und Inklusion und engagier(t)en sich in der „Go Unite! AG“ Inklusion im Forschungsdatenmanagement. Gemeinsam schauen wir uns an, welche Barrieren es in digitalen Forschungsumgebungen gibt, wie sie entstehen und warum Barrierearmut nicht nur Einzelne betrifft, sondern eine grundlegende Aufgabe der Wissenschaft sein sollte.

Wir sprechen darüber, was Barrierefreiheit beziehungsweise besser Barrierearmut1 überhaupt mit Forschungsdatenmanagement und digitalen Editionen zu tun hat. Auf den ersten Blick wirkt das Thema vielleicht wie etwas, das nur Webseiten oder öffentliche Informationsangebote betrifft. Katrin und Simone zeigen aber, dass gerade die Digital Humanities immer mehr mit digitalisierten Quellen, Datenbanken, Editionsplattformen und digitalen Infrastrukturen arbeiten. Wenn Forschungsdaten öffentlich zugänglich sein sollen, stellt sich automatisch die Frage, wer wirklich Zugang bekommt und wer vielleicht ausgeschlossen wird. Es geht dabei nicht nur um rechtliche Vorgaben oder Förderbedingungen, sondern auch darum, wie Wissenschaft funktionieren sollte: offen, nachvollziehbar und für möglichst viele Menschen zugänglich.

Es wird besonders interessant, wenn wir über konkrete Barrieren in digitalen Editionen sprechen. Unsere Gäste zeigen, dass Barrierearmut oft schon bei kleinen Dingen anfängt: gut programmierte Webseiten, klare Navigation, Kompatibilität mit Screenreadern, ausreichende Farbkontraste oder Alternativtexte für Bilder. Auch Glossare, verständliche Fachbegriffe und das Vermeiden unnötiger Sprachbarrieren sind wichtig. Digitale Editionen bieten hier viele Chancen, weil sie verschiedene Zugänge gleichzeitig ermöglichen können.

Wir sprechen auch über ein Thema, das viele aus der eigenen Forschung kennen: den zusätzlichen Aufwand. Wer Projekte plant, hat oft wenig Zeit, knappe Ressourcen und ein begrenztes Budget. Ist Barrierearmut also nur ein weiteres To-do auf einer ohnehin zu langen Liste? Unsere Gäste sehen das anders. Sie finden, Barrierefreiheit sollte von Anfang an mitgedacht werden, statt sie als Extra-Aufgabe zu sehen. Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, der Austausch zwischen Projekten, Best-Practice-Beispiele oder nutzerorientierte Testphasen können helfen, den Aufwand langfristig sogar zu verringern. Oft muss nichts komplett neu erfunden werden. Es geht vielmehr darum, vorhandenes Wissen besser sichtbar zu machen und gemeinsam zu nutzen.

Wir sprechen auch ausführlich über die Rolle der Hochschulen und der Lehre. Es stellt sich die Frage, wie Forschende lernen können, Barrieren zu erkennen und abzubauen. Dazu gehören Trainings, Workshops und Multiplikatoreneffekte in Zusammenarbeit mit Einrichtungen für inklusive Bildung. Es zeigt sich: Sensibilisierung ist oft der erste wichtige Schritt. Wer weiß, worauf zu achten ist, kann viele Hürden frühzeitig vermeiden. Gleichzeitig wird deutlich, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen mehr tun müssen, um passende Unterstützung sichtbar und leicht zugänglich anzubieten.

Wer wissen möchte, wie digitale Editionen zugänglicher werden, warum Barrierearmut mehr als nur eine technische Zusatzoption ist, wie unsere Gäste den Einsatz von KI und Teilhabe sehen, und warum gute Wissenschaft oft bei kleinen Entscheidungen anfängt, sollte reinhören.

______________________________________________________________

Infotext zur AG:

Inklusion und partizipative Teilhabe sind durch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) rechtlich verankert, doch der barrierearme Zugang zu Forschungsdaten ist bislang nicht selbstverständlich. Die Arbeitsgruppe „Inklusion im Forschungsdatenmanagement“ (AG Inklusion im FDM) setzt sich dafür ein, Zugänge, Werkzeuge und Infrastrukturen im Forschungsdatenmanagement inklusiver zu gestalten und an unterschiedliche Bedarfe anzupassen. Ein besonderer Fokus liegt auf Sensibilisierung, partizipativer Einbindung von Expert*innen sowie der Weiterentwicklung von Richtlinien, Datenmanagementplänen und Repositorien. Durch kontinuierlichen Austausch, offene Workshops und strategische Impulse trägt die AG dazu bei, Inklusion nachhaltig als festen Bestandteil eines fairen Forschungsdatenmanagements zu etablieren.

Links:

Literatur:

  • Anderson, Theresa; Colón, Randy D.; Goben, Abigail; Karcher, Sebastian. (2022): „Curating for Accessibility“. In: International Journal of Digital Curation 17 (1). https://doi.org/10.2218/ijdc.v17i1.837
  • Andrae, M. et al. (2020): „Barrierefreiheit für Repositorien. Ein Überblick über technische und rechtliche Voraussetzungen“. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare 73 (2), S. 259–277. https://doi.org/10.31263/voebm.v73i2.3640
  • Beer, Anna; Franz, Simone; Henzel, Katrin; Klaes, Jan Sebastian. (2025): „Inklusion und Forschungsdaten: GO UNITE! AG Inklusion im Forschungsdatenmanagement“. In: Felsmann, Christiane; Jopp, Belinda; Sieberns, Anne (Hrsg.): Praxishandbuch Inklusion in Bibliotheken: Barrierefreier Zugang zu Information, Bildung und Kultur. Berlin/Boston, S. 673–686. https://doi.org/10.1515/9783111206943-086
  • Bössow, Merle; Christ, Andreas; Henzel, Katrin; Wunsch, Samuel. (2025): „Den Zugang zu Forschungsdaten inklusiv gestalten: Einblicke in das partizipative Projekt ‚FDM inklusiv‘ an der Universität Kiel“. In: Felsmann, Christiane; Jopp, Belinda; Sieberns, Anne (Hrsg.): Praxishandbuch Inklusion in Bibliotheken: Barrierefreier Zugang zu Information, Bildung und Kultur. Berlin/Boston, S. 687–698. https://doi.org/10.1515/9783111206943-087
  • Colón, Randy D.; Goben, Abigail; Karcher, Sebastian. (2023): „Actually Accessible Data: An Update and a Call to Action.“ In: Journal of Librarianship and Scholarly Communication 11 (1). https://doi.org/10.31274/jlsc.15449
  • Henzel, Katrin. (2024): „Inklusion“. In: Galka, Selina; Klug, Helmut W. (Hrsg.): KONDE Weißbuch. Unter Mitarbeit von Susanne Höfer im Projekt „Enlarging ‚Weißbuch Digitale Edition‘“. Aufgerufen am: 03.05.2026. Handle: hdl.handle.net/11471/562.50.275. PID: o:konde.235
  • Henzel, Katrin. (2022): „Vermittlung auf Augenhöhe – digitale Editionen inklusiv gestaltet“. In: editio 36, S. 72–88. https://doi.org/10.1515/editio-2022-0003

  1. „Barrierearmut vs. Barrierefreiheit: Wir haben uns in unserem Team darauf geeinigt, weitgehend von
    Barrierearmut zu sprechen, da der Abbau von Hürden für die einen durchaus neue Barrieren für ande-
    re schaffen und vollkommene Barrierefreiheit nicht dauerhaft erreicht werden kann. Vielmehr gehen
    wir von einem kontinuierlichen Prozess des Abbaus und der Vermeidung von Hürden im Forschungsda-
    tenmanagement aus, der immer wieder den aktiven Austausch zwischen Datenmanagement und -nut-
    zung erfordert und individuelle Bedarfe berücksichtigt. Von Barrierefreiheit sprechen wir, wenn es um
    rechtliche Aspekte geht, da der Begriff der Barrierefreiheit juristisch festgelegt ist.“
    (Bössow, Merle; Christ, Andreas; Henzel, Katrin; Wunsch, Samuel. (2025): „Den Zugang zu Forschungsdaten inklusiv gestalten: Einblicke in das partizipative Projekt ‚FDM inklusiv‘ an der Universität Kiel“. In: Felsmann, Christiane; Jopp, Belinda; Sieberns, Anne (Hrsg.): Praxishandbuch Inklusion in Bibliotheken: Barrierefreier Zugang zu Information, Bildung und Kultur. Berlin/Boston, S. 687–698. https://doi.org/10.1515/9783111206943-087, hier: S. 688) ↩︎
Beitrag erstellt 28

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben